«Die willkürliche Reduktion der für unser Selbstverständnis

wichtigen Geschichtszeugen auf das oft nur nach modisch-

subjektiven Kriterien Schöne fügt dem Reichtum einer in Jahrtausenden gewachsenen menschlichen Umwelt Jahr für Jahr die ärgsten Verluste zu.»

(Prof. em Dr. Georg Mörsch, in: Die Wirklichkeit der Denkmäler)

Am 1. Mai 2014 wurde in der Schweiz das revidierte Raumplanungsgesetzt in Kraft gesetzt. Dieses verlangt Verdichtung nach Innen. Fachleute und Behörden aller Staatsebenen sind also unter anderem gefordert, Städte, Dörfer und Quartiere qualitätsvoll zu verdichten und die Kulturlandschaften zu erhalten. Gerade historische Dorfkerne stehen unter zunehmendem Siedlungsdruck.

Ein Inventar ermöglicht es, Einzelobjekte in einen grösseren Kontext zu setzen, respektive einen solchen auszumachen. Der Blick aufs Ganze ergänzt den Blick aufs Detail. Der baukulturelle und strukturelle Wert einer Baugruppe wird erkannt, das Funktionieren der Siedlungsstruktur begriffen. Die Erfahrungswerte können in eine Neugestaltung, eine Umnutzung, eine Aufwertung des Ortes einfliessen. 

Inventarisiert werden beispielsweise die stark von Baumassnahmen betroffenen historischen Dorfkerne, ein Quartier oder eine bestimmte Baugattung einer Gegend.

 

Zweck

  • Hilfsmittel für Ortsplaner und Behörden zur effizienten Erarbeitung von Zonen- und Richtplänen, wodurch auch eine Planungssicherheit für Bauherren entsteht

  • Denkmalpflege und Archäologie als Hinweisinventar dienend 

  • Grundlage für Siedlungsforschung und -entwicklung

  • Gutachten nach denkmalpflegerischen Massstäben

Ziel ist das Erkennen von Baukultur in Bezug auf die Verbreitung von Gebäudearten und Bautraditionen (Hauslandschaft), den Wachstumsprozess eines Siedlungskonstrukts (zum Beispiel die Entwicklung einer Gasse, der Besiedlungshergang einer Talschaft oder die Entstehung eines Quartiers) oder den baulichen Niederschlag von Wirtschaftsformen (z.B. Feldscheunen) etc.   

 

Ein Inventar macht die Dorfqualität hinsichtlich der vorhandenen Baukultur fassbar. Der Bestand wird erkannt. Das Verstehen der Dorfgenese hilft den kantonalen und kommunalen Behörden beim Anpassen der Richt- sowie Zonen- und Nutzungspläne. Die angestrebte Entwicklung kann raumwirksam in die Richtung gelenkt werden, damit der Genius Loci, also der besondere Charme und die Identifikationseigenschaften eines Ortes, erhalten oder gar gefördert werden können.

 

Ein Inventar dient Eigentümern, Baubehörden sowie Denkmalpflege und Archäologie, die betroffenen Objekte bereits in der Frühphase von Planung und Bauanfragen einzuschätzen und den dem Objekt zugeschriebenen kulturellen Wert gebührend zu berücksichtigen und auf eventuellen Verlust entsprechend zu reagieren. Bei einer geplanten Umnutzung zeigt es Möglichkeiten auf in Bezug auf die Denkmalverträglichkeit oder das Funktionieren in der Nachbarschaft.  

Arbeitsweise

Ein Inventar umfasst mehrere Objekte, verortet diese und erfasst sie mit gleichen Kriterien, was die Basis für Vergleich und Einordnung schafft. 

 

Je nach Intention des Inventars wird der geeignete Grad der Detailliertheit der Dokumentation abgemacht. Soll beispielsweise die Verbreitung einer Gebäudeart kartografisch erfasst werden, kann eine kurze Beschreibung der Aussenansichten reichen. Bei akuter Zerstörungsgefahr oder wenn die Ähnlichkeit der Bauwerke in einer Region explizit dargestellt werden soll, empfiehlt sich die Erstellung von Plänen und die Aufnahme der Innenräume. Grundsätzlich werden keine Eingriffe in die Bausubstanz vorgenommen. Die diversen Genauigkeitsgrade reichen also je nach Auftrag und Fragestellung vom Kurzbeschrieb der Gefügestruktur, der Bauart und Lage im Ort bis zur kurz gefassten Bauuntersuchung inkl. Quellenforschung. Inventare sind Bestandsaufnahmen. Sie beinhalten keine Massnahmenkataloge oder statischen Gutachten. 

INVENTARISATION

      BESTANDSAUFNAHME, PROSPEKTION