Integrale Raumwahrnehmung
Der Zugang zu Raum/Landschaft bestimmt die Datenqualität. Er findet auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig statt. Grobstoffliches bedingt Feinstoffliches und umgekehrt. Die übergeordnete Metaebene bringt Orientierungswissen wie dem Erkennen von Teilarealen und übergreifenden Raumkonzepten. Die Objektebene zeigt Detailkenntnisse wie Relationen unter kleinräumlichen Fraktalen.

Der Kernansatz
Eine integrale Raumwahrnehmung ermöglicht präzise Aussagen zum jeweiligen Istzustand eines Raumes (Zustandsanalyse Raumqualitäten), sprich dessen Funktionsfähigkeit/Gesundheit und «Stimmigkeit». Die Erkenntnisse sollte frühzeitig ins Analyseverfahren einfliessen. Anstehende Fragen und Potentiale können sich zeigen. Viele der wesentlichen Indikatoren mit Raumwirksamkeit, also die Steuerungsinstrumente für mögliche Weiterentwicklungen, sind zu fassen.
Um die Bedürfnisse und Potentiale des Ortes deuten zu können, ist es essentiell, die ursprünglichen Ortsqualitäten zu kennen und die über die Zeit erfolgten Überprägungen («Onlays») zu erkennen.
Oberflächliche Betrachtung versus Wahrnehmung aus dem Raum heraus, die Überlagerungsschichten (Onlays) erkennend.
Unabdingbar für eine analysierbare Datenbasis der Wahrnehmungen sind im Weiteren:
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Raumsensivität (Immersion, Innenschau) und Empathie (sowie anschliessend auch der die Daten weiterverarbeitenden Behörden/aufgrund der Daten entscheidungstreffenden Behörden) für die Landschaft als Organismus, den Raum als System
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Phänomenales Bewusstsein des Wahrnehmenden mit bewusster Substraktion situationsfremder Emotionen durch das Sein im Augenblick
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Geistiges Öffnen und Freimachen für das Empfangen von Impulsen, Informationen sowie für das Erkennen des Absenders
Zu beachten bei der Arbeit mit Raumqualitäten:
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Häufig lediglich Symptombekämpfung, sprich Szenierung am falschen Ort, Eingriffe auf falscher Ebene, da Urqualitäten des Ortes unberücksichtigt, repsektive unerkannt bleiben.
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Die Ursache für einen dysfunktionalen Raum liegt meist in den Überprägungen. Sie zeigt sich in Brüchen der Biografie, wo zum Beispiel eine neue Gestaltung jeglichen Bezug zum Vorzustand verloren hat.
Der Nutzer als Ko-Schöpfer: Subjektivität als Planungsfaktor
Das von mehrdimens.ch angewandte Landschaftsverständnis basiert auf den Grundsätzen der Europäischen Landschaftskonvention sowie den Ansätzen von Lucius Burckhardt (Spaziergangswissenschaft). Es bricht mit der Vorstellung von Landschaft als reinem Objektraum und definiert sie stattdessen als relationales Konstrukt.
1. Partizipative Wahrnehmung und Resonanzraum
Städtebau wird nicht als das Anordnen von Objekten verstanden, sondern als das Schaffen von Möglichkeitsräumen. Der Raumnutzer ist kein passiver Konsument, sondern durch seine individuelle Wahrnehmung (geprägt durch sozio-kulturellen Hintergrund und Tagesform) der eigentliche Schöpfer seines Umfeldes. Planung fungiert somit als Szenierung, die bestimmte Gemütsstimmungen und Sinneswahrnehmungen ermöglicht oder lenkt.
2. Raumidentifikation durch Immersion
Ein erfolgreicher Landschaftszugang erfordert das «immersive Erleben». Erst durch das bewusste Erwandern und Eintauchen in den Raum entsteht Raumidentifikation. Für die Planung bedeutet das:
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Identifikation ist Partizipation: Nur wer sich mit einem Raum identifiziert, pflegt und respektiert ihn. Dies ist ein entscheidender Erfolgsfaktor für die Nachnutzung und Weiterentwicklung von Arealen.
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Wahrheit im Subjektiven: Die subjektive Empfindung des Nutzers ist keine „Verfälschung“ der Realität, sondern die massgebliche Planungswahrheit. Die Qualität eines Entwurfs misst sich an der Resonanz, die er im Individuum auslöst.
Bisheriger «klassischer Zugang»
Wahrnehmung mit allen Sinnen: der Raum geht hinter der Oberfläche weiter
3. Professionalisierung der subjektiven Analyse
Während die klassische Planung oft auf einem «kollektivem Konsens» (Burckhardt) beharrt, um allgemeingültige Aussagen zu treffen, setzt diese Methode auf eine Professionalisierung des Detailwissens:
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Vermeidung von Verallgemeinerung: Um wertvolle ortsspezifische Qualitäten nicht durch statistische Mittelwerte zu verwässern, wird der Interpretationsraum bewusst offengehalten.
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Empirische Tiefe: Der städtebauliche Blick wird geschärft, um die Wechselwirkungen zwischen sozialen Systemen und der physischen Umwelt als dynamischen Prozess zu begreifen.
Fazit für die Praxis
Landschaftsplanung muss die Schnittstelle zwischen Mensch und Raum gestalten. Der Zugang zum Ort, zur Landschaft, zum Stadtraum ist nicht nur ein physischer Weg, sondern ein psychologischer Schwellenübertritt, der durch gezielte Szenierung die Identifikation mit dem Grossraum steuert.
Auszug aus meiner Zertifikatsarbeit CAS Stadtraum Landschaft ZHAW (Typoskript)
Organismus Landschaftspark Wiese
Strukturanalyse der Westhälfte des Grossraums mit Einbezug der Eingangssituationen
zur Veranschaulichung der Systemzusammenhänge
ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen
Institut Urban Landscape
Studiengang CAS Stadtraum Landschaft 2025
© Anita Veronica Springer

