Die Mitte
mehrdimens.ch betreibt eine auf altem Wissen basierte, integrale Potenzialanalyse des ortsbaulichen Spannungsfeldes zwischen historischem Dorfkern und moderner Aussenquartiere. Die beiden korrelierenden Verfahren der Raumpsychogrammetrie und der Analyse der Richtungsqualitäten nähern sich komplexer Siedlungssysteme an, erkennen übergreifende Zusammenhänge und gemeindeinterne Abhängigkeiten. Die einmalige Methode bildet ab, wie sich die Qualität der historischen Mitte durch die enorme Flächenausdehnung der Umgebung systemisch verändert hat. Die Integration der Ortsqualitäten eröffnet die gesuchten neuen Perspektiven für eine nachhaltige, identitätsstiftende und wirkstarke Raumgestaltung.
Der Kernansatz der Mitteforschung: Erkenne die ursprüngliche Anlageintenion!
Ein moderner Städtebau mit dem Anspruch, eine funktionierende wie auch eine zeitgemässe Siedlungsentwicklung in die Realität zu bringen, bedingt das Kennen des Ursprungs der zu entwickelnden Siedlung. In Bezug spezifisch auf die Mitteforschung meint das meines Erachtens unbedingt auch das Verstehen der unsichtbaren, ursprünglichen Wirkkräfte einer Siedlung inklusive einer Annäherung an die Anlageintention der Dorfmitte.
Einflüsse: von der Mitte aus gedacht - vom Rand her gedacht (bei geschlossener Platzrandbebauung)
Städtebauliche Zäsur in der Dorfentwicklung
Dörfer waren lange Zeit untrennbar mit der lokalen natürlichen Umgebung verbunden, schon nur durch die lokal anstehenden Baumaterialien wie beim Allschwiler Fachwerkhaus (Kanton BL) das Gerüst aus Eichenholz und den Lehmausfachungen – im Vergleich zur Baukultur des oberen Kantonteils mit Steinhäusern aus Muschelkalk. Mit der Industrialisierung und der damit verbundenen veränderten Form des Verdienstes (von der Selbstversorgung zur Konsumgesellschaft = leerstehende Ökonomien, Hygiene, Bevölkerungsanstieg, Umbauten, importiertes Baumaterial) wurden die historischen Dorfmitten bis anhin unbekannten und teils radikalen neuen Entwicklungen ausgesetzt. Im selben Zeitraum (in Allschwil und einem Grossteil des Basler Untertanenlandes im Jahr 1829) – kurz vor der Kantonsgründung 1833 – wurde die Dreifelderwirtschaft aufgehoben und somit auch der Flurzwang. Ab diesem Zeitpunkt war es erlaubt, ausserhalb der Dorfgemarkung zu bauen. Die Zersiedelung begann. Mit Eisenbahn und Industrialisierung kamen neue Baumaterialien, neue Haustypen (z.B. Arbeiterhäuser, Mietskasernen) und erste Bebauungspläne mit Fokus auf das Strassennetz.
Die Dorfmitte als Sender und Empfänger
Die Dorfmitte kommuniziert immer mit ihrem Umraum: Sie empfängt Signale (Prinzip des Empfängers und Resonanzraums) und sendet aus (Prinzip des Omphalos als Sender und Orientierung) mit unterschiedlichem Wirkradius. Sie integriert (Ortsidentifikation) oder konfrontiert (Projektionsraum). Die Mitte repräsentiert ein höheres Prinzip und spiegelt nach kosmischer Ordnung immer auch die Qualitäten der ganzen Siedlung. Daher lässt sich schlussfolgern, dass durch eine gesamtflächige Analyse der Siedlung und dem Erkennen von grossräumlichen planerischen oder gestalterischen Aufgaben auch Problem- respektive Fragestellungen zu Tage treten, die die Dorfmitte betreffen.
Ein Funktionieren der historischen Dorfmitte gelingt optimal nur bei Berücksichtigung der ursprünglichen Wirkkräfte und Ortsqualitäten, dem Abstimmen der «Raumrollen» mit den neu installierten Zentren in der Siedlungserweiterung sowie mit der Gewährleistung eines angepassten/gemässigten Weiterwachsens ohne krasse Zäsuren zum Vorzustand.
Die Raumordnungsstruktur
Um schliesslich herauszufinden, was der historischen Mitte heute zugemutet werden muss und kann (Anforderungsprofil), ist es essentiell zu verstehen, wie die Siedlung heute im Vergleich zu früher programmatisch zusammengehalten wird und zusammengesetzt ist. Das heutige Konzept der ausgedehnten Siedlung mit Neubauquartieren kann nicht mehr dasselbe sein wie das des «Urdorfes» (vor der Zäsur im 19. Jahrhundert, hier zur Vereinfachung als Modell der heutigen Kernzone gleichgesetzt). Das Analyseverfahren legt zwei sich ergänzende Raumordnungssysteme als Analogiemodelle über das Dorf von damals und die Siedlung von heute. Rückschlüsse werden gezogen durch Vergleich und dem Beiziehen der morphologischen und klassischen städtebaulichen Bestandsaufnahmen. Die aus den unterschiedlichen Ansätzen und Skalierungen gewonnen Erkenntnisse begründen z.B. den Entwurf einer adäquaten Dorfplatzumgestaltung.
Modellhafte Skizzierung: System des Wandels von früher zu heute mit den Herausforderungen und Potenzialen
Nutzen für die Praxis
Diese abstrahierte Betrachtungsweise kann Potentialräume und Gestaltungsimpulse zur Optimierung von Raumfunktionalität, zu Energieströmen (Verkehr, Terrain/Höhendifferenzen), räumlichen Kapazitäten, Handlungsstärken der Gemeinde (als politischer Akteur und als verantwortlicher Anbieter von Lebensqualität) und «Fehlbesetzungen» (falsche Aufgabenzuweisungen für den Ort/die vorhandenen Ortseigenschaften) aufzeigen. Nicht jeder Ort kann jede beliebige Aufgabe einer Gemeindestruktur (gesellschaftspolitisch-funktional), eines Siedlungsorganismus erfolgreich erfüllen.
Auszug aus meiner Zertifikatsarbeit CAS Städtebau ZHAW (Typoskript)
Fokus Mitte
Die Genese des historischen Dorfzentrums der Gemeinde 4123 Allschwil BL.
Eine siedlungsprogrammatische und raumphänomenologische Analyse der Mittequalitäten.
ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen
Institut Urban Landscape
Studiengang CAS Städtebau 2025
© Anita Veronica Springer


